Inkassounternehmen verdienen an SchuldnerInnen durch Gebühren. SchuldnerInnen sind nicht immer verpflichtet, verrechnete Kosten zu zahlen. Das wissen nicht alle. Zahlungsfristen sind knapp gesetzt, um unter Druck zu kommen. Die Gebühren steigen. Einen Teilbetrag zu zahlen, heißt Schuldanerkennung. Kann man diesem Teufelskreis entkommen?

Nicht fristgerecht beglichene Inkassoforderungen steigen unverhältnismäßig schnell. Inkassobüros machen oftmals hohe Gewinne mit den Schulden der Betroffenen. Immerhin haben in Österreich 58.991 Personen 2016 mindestens einmal Unterstützung von einer Schuldenberatung erhalten (vgl. Schuldenreport 2017). Ist man einmal in der Schuldenfalle gefangen, sehen viele keinen Weg mehr heraus, ohne noch mehr Schulden zu machen.

Geringe Beträge unter 100 € wie GIS Gebühren, Fahrscheinmehrgebühren oder Verwaltungsstrafen können sich innerhalb von 14 Tagen verdreifachen, wenn nicht fristgerecht gezahlt wird. Gerade junge Menschen sind mit den Formulierungen der Schreiben von Inkassounternehmen überfordert. Unwissenheit und Angst treiben sie in eine verhängnisvolle Starre des Nichtreagierens. Der folgende Bericht beschreibt die Erlebnisse von Franz P. und seine Versuche, sich zu wehren.

Im März 2017 kamen Franz und sein Klassenkamerad in Wien in eine Fahrscheinkontrolle. Franz P. ist Schüler und volljährig. Er besitzt das Top-Jugendticket der Wiener Linien für SchülerInnen. Dieses ist in Kombination mit einem Schülerausweis zum günstigen Preis von 60 Euro für das Schuljahr erhältlich.  Er wies es vor, hatte allerdings keinen Schülerausweis bei sich. Andere Ausweise lies der Kontrolleur nicht gelten. Sein Klassenkamerad wies beides vor und bezeugte, dass sie in dieselbe Klasse gingen. Es reichte nicht aus.

Mit der Begründung, dass Franz keinen Schülerausweis bei sich hatte, wurde eine Strafe ausgestellt, was den Benutzungsvorschriften entspricht. Die Wiener Linien bieten die Möglichkeit, innerhalb von drei Tagen den Schülerausweis nachzureichen, dann kann die Mehrgebühr von 103€ erlassen werden.

Franz fand seinen Schülerausweis nicht und erfuhr von der Mehrgebührenstelle, dass eine aktuelle Schulbesuchsbestätigung per Email ebenfalls ausreichen würde. Damit begann das Missverständnis, das mit einem Schreiben eines Inkassobüros endete.

Franz ging in seine Schule und ersuchte um eine aktuelle Schulbesuchsbestätigung. Die Sekretärin meinte, dass so etwas nicht ausgestellt würde. Franz schrieb ein Email an die Mehrgebührenstelle und teilte mit, dass es keine aktuelle Schulbesuchsbestätigung gäbe. Franz hatte eine Schulbesuchsbestätigung über das laufende Schuljahr, war aber überzeugt, er bräuchte eine, die seinen Besuch im aktuellen Monat bestätigte. In Folge wurden weitere Emails geschickt und als Franz verstand, dass seine Jahres-Schulbesuchsbestätigung ausreichend wäre, war die Frist verstrichen und die Wiener Linien forderten die Mehrgebühr ein. Franz hatte nicht die 103€ und füllte daher online das Ansuchen auf Ratenzahlung aus und zahlte fortan monatlich.

Im August erhielt er ein Schreiben des Inkassobüros Intrum Justitia.  Dieses treibt Forderungen der Wiener Linien gegenüber „Schwarzfahrern“ ein. Im Auftragsverhältnis zur Wiener Linien GmbH & Co KG verrechnet das Inkassobüro dem Auftraggeber keinerlei Inkassospesen, allerdings den SchuldnerInnen.

Die Forderung des Inkassobüros betrug fast 70€. Franz rief dort an und erfuhr, dass die Wiener Linien ihm per Email informiert hätten, dass sie dem Antrag auf zwölf Teilzahlungsraten nicht zustimmten. Eine Mahnung sei nicht nötig gewesen, die Wiener Linien hatte den Fall gleich an das Inkassobüro weitergegeben. Doch Franz hatte nie diese E-Mail der Wiener Linien erhalten. Seine Bitten auf ein Entgegenkommen verliefen ergebnislos. Wohin er sich auch wandte, man riet ihm zu zahlen, da er (besonders als Schüler) chancenlos gegen das Inkassobüro der Wiener Linien wäre.

Im Internet findet man unter  http://www.konsumentenfragen.at/ folgende Erklärung:

„… SchuldnerInnen sind allerdings nicht immer dazu verpflichtet, für sämtliche Inkassokosten aufzukommen. Für eine solche Verpflichtung müssen gewisse Voraussetzungen vorliegen: So besteht sie nur dann, wenn SchuldnerInnen am Zahlungsverzug ein Verschulden trifft. Dies ist dann der Fall, wenn eine fällige Forderung nicht fristgerecht zur Gänze bezahlt wurde. Inkassokosten dürfen auch nur dann verrechnet werden, wenn die Aktivitäten des Inkassobüros notwendig und zweckmäßig zur Eintreibung der Forderung waren. Inkassokosten müssen überdies in einem angemessenen Verhältnis zur Hauptforderung stehen.“

Franz fühlte sich überfordert mit den plötzlich gewachsenen Kosten. „Beim Verein für Konsumenteninformation sagte man mir, dass niemand eine Chance gegen ein Inkassobüro hätte, man könne in meinem Namen um 20€ einen Brief schreiben, aber auch das wäre eigentlich sinnlos. 70 € Inkassokosten zu einer ursprünglichen Forderung von 103€ erschienen mir auch nicht angemessen. Auch dass ich das Email der Wiener Linien nie erhalten hatte, interessierte nicht. Man warnte mich vor einem Fristversäumnis und dass die Kosten dann noch höher würden. Ich verstehe auch nicht, warum man keine Zeit hat, sich ordentlich zu informieren, um sich gegen diese Forderungen zu wehren. Bis man alle Informationen hat, verstreicht die Frist und man zahlt noch mehr“, schilderte Franz.

Er bat die Wiener Linien um eine Zustellbestätigung deren Email an ihn. Man schickte ihm das Email, das an ihn geschickt wurde, aber keine Lese- oder Zustellbestätigung zu dieser E-Mail. Franz versuchte gegen die tickende Frist herauszufinden, warum für diese E-Mail ein „nachweislich zugestellt“, wie bei behördlichen Schriftstücken üblich, nicht vonnöten wäre. Er bekam dazu unterschiedliche Rechtsauskünfte.

„Am Ende hätte ich vor Gericht gehen müssen, aber dazu fehlt mir das Geld. Ich glaube, dass ich Recht bekommen hätte. Die Wiener Linien haben keine Zustellbestätigung und ich habe Raten bezahlt, zwar nicht in der Höhe, die gefordert wurde, aber wie hätte ich das denn wissen können ohne Information? Man hätte mir nochmals schreiben müssen und nicht gleich ein Inkassobüro einschalten dürfen. Am Ende habe ich leider aufgegeben und bezahlt, höhere Inkassogebühren wollte ich einfach nicht riskieren. Ich habe durch meine Geschichte andere Betroffene kennengelernt und sie fühlten sich genauso ohnmächtig wie ich. Ich wünsche mir einfach mehr Unterstützung gegen Inkassounternehmen “, schließt Franz seine Schilderungen.

Franz hat noch erzählt, dass er noch immer Angst hat, dass ein Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Obwohl er gezahlt hat, hat er kein Schreiben erhalten, dass sein Fall geschlossen wurde. Am Ende des Interviews sagte Franz:“ Ich finde es traurig, dass es möglich ist, mit der Not und Angst anderer, Geld zu machen. Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass dem ein Riegel vorgeschoben wird.“